24h @ Münchner Kammerspiele

12 Stadterkundungen von Anne-Isabelle Zils & Karnik Gregorian

24 Stunden. Das Bahnhofsviertel verändert sich an einem Tag, wie kein anderes Viertel in München – globalerlieblingsschmuddelort in oblivion. Diesem Phänomen gehen wir in zwölf Stadterkundungen mit den Bewohnern des Viertels auf die Spur – Sonne-Aufgehen-Sehen, frühstücken, lernen, einkaufen, kämpfen, beten – und das in Originalzeit. Jede Erkundung dauert zwei Stunden – putzen, observieren, arbeiten, auswandern, zurückblicken, Sonne-untergehen-sehen – immer zu einem bestimmten Thema. Dabei chronologisch von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang durchs Viertel pilgern- ausgehen, kochen, durchbeißen, erzählen, verstecken, flanieren, pausieren – Experten des Lebens, bei Tag und bei Nacht. 24 Stunden – 12 x 2 Stunden Erkundungen der Vielfalt.

Regie: Karnik Gregorian, Anne-Isabelle Zils. Dramaturgie: Julia Reichert. Assistenz: Sandra Pföstl

Rezensionen

Süddeutsche Zeitung – Stadterkundungen „24h“ Viertel in Echtzeit

Theaterkompass

Wochenanzeiger

Süddeutsche Zeitung – Probebohrungen im Biotop

Theater heute – Heimspiel: Expeditionen ins Eingemachte


Munich Central – Das Stadtprojekt der Münchner Kammerspiele

Sa, 5.06.2010 von 6-8 Uhr ANFANG UND ENDE I – das Bahnhofsviertel erwacht

Tag Eins des Festivals »Munich Central« beginnt. Von einer Dachterrasse an der Goethe- Ecke Landwehrstraße blicken wir auf das erwachende Viertel und begrüßen den Tag mit dem Sonnengebet Surya Namaskar zur Verehrung der Sonne. In einer Abfolge von zwölf Yogahaltungen begrüßen und besingen wir die Sonne mit Margarethe Reiserer und Marina Ammann-Orlovic vom Yoga-Institut in der Landwehrstraße. Die Zahl 12 bezieht sich symbolisch auf den Tag also die Bewegung der Sonne. 

Ali Cavusoglu und sein Großhändler vom Münchner Großmarkt beginnen ebenfalls den Tag. Der Samstag ist der wichtigste Tag für die Supermarktbesitzer in der Goethestraße. Wie organisieren sich die verschiedenen Akteure auf der Goethestraße morgens bei Sonnenaufgang? Die Choreographie erschließt sich dabei nur durch einen Blick von Oben auf das Geschehen. Ali Cavusoglu verrät uns dabei, warum das Bahnhofsviertel für seine Geschäfte der ideale Ort ist, lernen dabei drei Generationen des türkischen Einzelhandels kennen und worin sich deutsche von türkischen Gemüsehändlern unterscheiden. Oder hat das nur mit der Mentalität ihrer Kunden zu tun? 

Und mittendrin: Die Straßenreinigung. Sie wissen noch, was unsere Großeltern noch wussten und weisen uns in die Kunst des Besenbindens ein und wir erfahren, wie man den Bürgersteig effektiv, rückenschonend oder reinen Gewissens selbst reinigt.

Anschließend geht es zur Bahnhofsmission. Die beiden ehrenamtlichen Helfer der Nachtschicht übergeben ihre Geschichten der Nacht an den Tagdienst. Während wir Schmalzbrote für den Tag schmieren erleben und entdecken wir, warum auch heute noch Menschen freiwillig anderen helfen und können an einer Hörstation den Besuchern der Bahnhofsmission lauschen.

Experten: Margarete Reiserer – Yoga Institut München, Ali Cavusoglu, Straßenreinigung München, Bahnhofsmission München

Mo, 07.06.2010 von 8-10 Uhr LEBEN, LERNEN, ARBEITEN I – Das Bahnhofsviertel aus der Sicht der Geschlechter. 

Wer sich als Mann durch das Bahnhofsviertel bewegt, auch wenn er deutsch aussieht, wird niemals dieselben Erfahrungen machen, wie eine Frau – und umgekehrt. Denn unabhängig von der Herkunft bewegen sich Männer und Frauen, auch auf der Straße oder in den Geschäften, in unterschiedlichen Gesellschaften. 

Worin unterscheiden sich diese Welten? Was bedeutet dies für unsere Experten des Viertels? Zwei nach dem Geschlecht getrennte Gruppen erkunden diese Welten, machen selbst die Erfahrung, was es bedeutet, als Mann oder Frau im Bahnhofsviertel unterwegs zu sein.

So erleben die Frauen bei einem Zivilcouragetraining mit der Bahnhofspolizei, wie sie aus ihrer Rolle als Opfer heraustreten können und begegnen bei In Via, dem katholischen Träger der Bahnhofsmission, Frauen aus außereuropäischen Ländern, die ihren eigenen Weg in die deutsche Gesellschaft gefunden haben bzw. noch suchen. Hier erfahren wir z.B., wie man mit 5 Kindern von einem bis zum anderen Ende einer fremden Stadt kommt. 

Und was es gerade für sie bedeutet, die patriarchale Bahnhofsgesellschaft durchschreiten zu müssen um Hilfe zu bekommen, erlebt das Publikum live auf der Straße.

Die Männergruppe wird zeitgleich in die türkische Männergesellschaft und das Rotlicht-Milieu eingeführt. Der Besuch einer Table-Dance-Bar vermittelt den Männern dabei einen völlig neuen Blick auf sich selbst, wenn die Reinigungsfrauen und der Barmann von der vergangen Nacht erzählen und worauf es z.B. bei der Reinigung der Video-Kabinen am meisten zu achten gilt. Beim anschließenden Aufenthalt im türkischen Männercafe werden dann die richtigen Verhaltensweisen im Viertel trainiert. 

Die beiden Gruppen kommen dann im Festivalzentrum wieder zusammen und tauschen hier ihre Erfahrungen miteinander aus. Angeleitet von einer Ergotherapeutin des Frauentherapiezentrums lernen die Geschlechter die Kommunikation zwischen Mann und Frau.

Polizeiinspektion 16, In Via KOFIZA, Café Chivas, Sexyland, Frauentherapiezentrum

Mi, 09.06 von 10-12 Uhr LEBEN, LERNEN, ARBEITEN II – Bahnhofsviertel sozial

Das Bahnhofsviertel ist das Zentrum der sozialen Einrichtungen in München. Ob christliche, oder überkonfessionelle Träger. Das Prinzip ist immer das gleiche: Jeder der Hilfe sucht, dem begegnet man auf Augenhöhe und mit Respekt. Doch wie sehen die Lebenswelten der Menschen aus, die hier Hilfe suchen. Welche Hilfe suchen sie eigentlich und welche Hilfe finden sie im Bahnhofsviertel. Und vor allem: wie gehen wir selbst mit Menschen um, die Hilfe benötigen?

Zu Beginn erkunden wir die Landwehrstraße mit all seinen Sozialen Einrichtungen. Dann findet jeder aus dem Publikum seine Anlaufstelle für sein Hilfegesuch und es geht in vier kleinen Gruppen zu vier verschiedenen Einrichtungen. Bei der Caritas werden wir von vier Experten beraten wie ein Hartz IV-Bogen ausgefüllt wird. Die vier Experten, selbst Hartz IV Empfänger, erzählen von ihrem Leben und worin sich diese von Westerwelle-Politikergeschichten wie der FDP, CDU, SPD oder die Linke unterscheidet.

Im Clubhaus Schwalbennest einer Tagesstätte für Psychiatrie erfahrene Menschen, wird der Tagesablauf von den Mitgliedern selbst organisiert und gestaltet und ebenso können die Zuschauer sich hier in verschiedene Arbeitsgruppen einschreiben, die entweder für die Küche, das Mittagessen oder das Büro zuständig sind.

Herz und Rampen vom Kreisjugendring wird das Viertel auf seine Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung checken. Am eigenen Leib können die Zuschauer erfahren, wie es ist mit einer starken Sehbeeinträchtigung oder einer Gehbehinderung einkaufen zu gehen.

Was es bedeutet, allein in ein Land zu kommen, dessen Sprache man nicht spricht, dessen Gesellschaftssystem man nicht kennt und deren Essen merkwürdig riecht, erleben wir vielleicht im Urlaub. Jugendliche Flüchtlinge, die am Projekt Flübs der Münchner Volkshochschule teilnehmen, haben diese Erfahrung ohne Urlaubsgefühle erlebt. Und durch sie werden wir erleben, wenigstens für zwei Stunden, wie es sich für sie angefühlt hat und immer noch ist. 

Im Anschluss werden wir im Import-Export in der Goethestr.30 gemeinsam feiern.

Experten: Caritas- Zentrum München – Innenstadt, Clubhaus Schwalbennest (Der Paritätische), Flübs – Münchner Volkshochschule Migration / Integration

Do, 10.06 von 12-14 Uhr RÄUBER UND GENDARM

PI 14 trifft L43 – Die Polizeiinspektion 14 und die Drogennotdienststelle L 43 zeigen das Viertel aus ihrer Sicht. 

Zwei Gruppen, vier Experten, eine Route. Eine Gruppe wird von zwei Polizisten der PI 14 an die neuralgischen Orte des Quartiers geführt, die andere Gruppe von zwei Drogenabhängigen des L 43 an dieselben. Der Blick auf diese Orte ist jedoch jedes Mal ein anderer. Worin unterscheiden sich also diejenigen voneinander, die sich ständig im Blick haben und eigentlich immer wissen, was der andere weiß. Oder gibt es doch Geheimnisse, von denen der andere nicht weiß? Wie verändert der einseitige Blick der Polizisten und Drogenabhängigen auf das Viertel unseren eigenen? Wie nehmen wir danach die Sicht der anderen Gruppe auf? 

Nachdem die beiden Gruppen eine Sicht des Viertels erlebt haben, kommen sie wieder im Festivalzentrum zusammen und tauschen ihre Blicke aus.

Experten: Polizeiinspektion 14, Drogennotdienst L 43 – Prop e.V.

Sa, 12.06 von 14-16 Uhr GLOBALSCHMUDDELCITY – The real gentrification

Fragt man die Menschen, die sich im Bahnhofsviertel aufhalten, dann wird die Vielfalt als positives Element des Viertels herausgehoben. Fragt man dieselben nach dem Negativen, kommt als häufigste Antwort: die Ausländer. Was bedeutet also Vielfalt? Wer sind die unerwünschten „Ausländer“? Wie viel Vielfalt wollen die Akteure des Quartiers? Und wer bestimmt und beeinflusst die Vielfalt?

Diesen Fragen gehen wir mit unseren sieben Experten nach, erforschen die Identität und Entwicklung des Viertels. Dabei verfolgt jeder Experte eine andere Spur und entwickelt zusammen mit dem Publikum eine Vision für das Bahnhofsviertel. Eine Gruppe führt uns an Begegnungspunkte von Arm und Reich, eine andere erkundet die Möglichkeiten der Hinterhöfe und Passagen. Zwei Gruppen erarbeiten mit deutschen Einzelhändlern und Geschäftsinhaber die einen Migrationshintergrund besitzen, wie die Zukunft des Einzelhandels aussehen kann. Stadtplaner, Architekten, ein Bissverkäufer und eine Vertreterin der Stadt erforschen die Vision und die Vielfalt des Bahnhofsviertels.

Experten: Hajo Bahner, Alexander Miklosy, Prof. Joachim Vossen, Tonnadel-Paradis Friedrich Gleich, Carl-Wilhelm Sachse, Michael Wieninger, Cavusoglu, Recep Dereli, Projektentwicklung Hoch-Tief, Ralf Hohmann, Prof. Dr. Fritz Wickenhäuser, Beate Uhse

So, 13.06 von 16-18 Uhr GOTT UND DIE WELT –

Interreligiöse Spurensuche

Das Quartier südlich des Bahnhofs ist das religiöseste Viertel der Stadt. Auf der westlichen Seite ist das katholische Eck mit der St. Pauls Kirche. Im Osten liegen St. Matthäus und das protestantische Eck mit dem evangelischen Handwerksverein und dem CVJM. Dazwischen haben sich die Muslime mit rund 40 Moscheen und Gebetsräumen niedergelassen. Und hier begeben wir uns mit den Pfarrern der beiden Kirchen und dem Imam des Muslimischen Vereins auf die Suche nach Gott – im Alltag, in den Einrichtungen und vor allem in einem selbst. 

Experten: St. Paul Gemeinde München, St. Matthäus Gemeinde München, Muslimischer Verein für Bildung, Kultur und Integration, Dr. Martin Rötting

Mo, 14.06 von 18-20 Uhr DAS VIERTEL KOCHT

Interkulturelle Kochshow

Das Bahnhofsviertel gehört kulinarisch

Kochen mit der Modeschöpferin Ayzit Bostan, der indischen Tänzerin und Choreografin Dr. Sandra Chatterjee. Mit Ali und Amer von Flübs. Mit Antonio im gap und mit xx im Derya Kebab House. Moderation: Simone Egger, Ethnologin an der LMU

Di, 15.06 von 20-22 Uhr HOTEL OBLIVION

Reise zu den verschwundenen Orten

Rock n’ Roll in der Rumba- Bar. Der deutsche Bill Haley und andere Zeitzeugen

begleiten uns in die Hotelzimmer mit Rückblick

Chuck Herrmann, Paul Würges, Al Herb, Herr Max, Professor Wickenhäuser,

Hotel Cristal, Hotel Schweiz, Hotel Goethe, Hotel Mirabell

Mi,16.06 von 22-0 Uhr LIEBLINGORTE I

Durch die Nacht mit den Bewohnern des Viertels

Sa,19.06 von 0-2 Uhr LIEBLINGORTE II

Schäferstündchen mit den Bewohnern des Viertels

So, 20.06 von 2-4 Uhr LIEBLINGSORTE III

Blaue Stunde

Fr, 25.06 von 4-6 Uhr ANFANG UND ENDE II, 

Putzstunde! Wir räumen das Viertel

  • Schreibresidenz @ Monacensia
  • Romeo und Julia @ Gorki Theater
  • Heimatbilder
  • Aghet 99 + 1
  • LEAKS
  • N S U 2.0 @ Schauspiel Frankfurt
  • Inside Landwehrstraße